Liebe Leserin,
über manche Themen spricht man nicht mal so nebenbei. Weil sie schon einige blaue Flecken hinterlassen haben.
Die Liebe gehört definitiv zu diesen Themen.
Denn fast jeder glaubt, er wüsste, was Liebe ist, und trotzdem sind wir alle schon irgendwann mal damit auf die Schnauze gefallen…
Und weil wir alle, wenn wir ehrlich sind, schon einmal „Liebe“ gesagt haben, obwohl wir eigentlich etwas anderes meinten.
Und genau darum geht es heute:
Was ist Liebe eigentlich?
Und was ist – im Gegensatz dazu – Verliebtheit?
Nicht als ein Wortspiel, sondern als Unterschied, der darüber entscheidet, ob man entspannt durchs Leben geht oder ob man fünf Jahre emotionales Roulette spielt.
Okay, fangen wir an…
Verliebtheit ist ein Rausch mit einem anderen. Liebe ist ein Sehen des anderen.
Verliebtheit ist folgendes:
Sie denken ständig an ihn. Sie warten auf seine Nachrichten. Sie lesen aus einem Emoji eine ganze Beziehung heraus. Sie haben dieses Gefühl von „Endlich passiert etwas“.
Und das ist nicht schlimm. Verliebtheit ist wunderschön, sie ist wie Frühling im Kopf.
Aber sie ist nicht dasselbe wie Liebe…
Die Verliebtheit lebt vor allem von der Vorstellung.
Sie sehen nicht nur den Mann vor sich, Sie sehen die Zukunft, die Sie sich mit ihm ausmalen. Sie sehen das Haus, den Urlaub, die Nähe, die Rettung aus dem Alleinsein, das: „Endlich einer, der…“
Und solange Sie in dieser Vorstellung sind, sind Sie nicht in Kontakt mit der Realität. Sie spüren hauptsächlich Hoffnung. Und diese Hoffnung vermischt sich mit diesem Mann. Und irgendwann ist es schwer zu unterscheiden, ob Sie tatsächlich IHN wollen oder das, was Sie sich mit ihm erhofft hatten.
Ich habe einmal einen Satz gelesen, den ich nicht mehr vergessen habe:
„Der Verliebte sieht den anderen, wie er sein könnte. Wer liebt, sieht ihn so, wie er ist. “
Das klingt simpel, und doch verändert es alles:
- Die Verliebtheit lebt hauptsächlich in der Fantasie
- Die Liebe lebt in der Wirklichkeit
Es heißt, die Liebe würde uns blind machen. Doch das stimmt nicht:
Es ist die Verliebtheit, die uns blind macht…
Und zwar gleich auf mehrere Arten:
1. Man sieht im anderen nur das, was man von ihm haben will
Man schielt auf Verbindlichkeit, Planbarkeit und feste Perspektive. Man liest zwischen den Zeilen nach Zukunft. Man sucht Bestätigung dafür, dass es „ernst“ wird.
2. Man sieht im anderen das Ideal, das man sich wünscht
Lücken werden mit Fantasie gefüllt, Eigenschaften werden ergänzt. Man glaubt an eine Version, die in dieser Form gar nicht existiert.
3. Man sieht nicht, was einem nicht gut tut
Warnzeichen werden ignoriert. Widersprüche werden erklärt. Grenzen werden verschoben.
4. Man sieht sich selbst nicht mehr klar

Und das ist vielleicht die tiefste Form der Blindheit in der Verliebtheit:
Man verliert den realistischen Blick für den anderen – und gleichzeitig verliert man den Blick für sich selbst.
Das bedeutet:
Sie sehen nicht IHN, nicht den Menschen, der er wirklich ist. Sie sehen ein verzerrtes Bild der Realität…
Und jetzt kommt etwas, das vielleicht hart klingt, aber wahr ist:
Verlieben kann sich auch ein Blinder.
Sie können sich in jemanden verlieben, den Sie noch kaum kennen.
Sie können sich sogar in jemanden verlieben, der Ihnen objektiv nicht gut tut.
Während echte Liebe mit Erkenntnis einhergeht.
Sie können nur lieben und wertschätzen, was Sie wirklich kennen und SEHEN… Und nicht etwas, dass Sie nur mit einer diffusen Hoffnung verbinden.
Und hier kommt das Entscheidende:
Wahre Liebe will etwas Gutes für den anderen. Wer wirklich liebt, bejaht oder fördert den anderen, ohne ständig dabei an sich selbst zu denken oder den eigenen Vorteil zu suchen.
Das ist der Kern.
Liebe ist in Wahrheit Wertschätzung des anderen. Verliebtheit will hingegen etwas vom anderen „haben“.

Denn sobald Sie jemanden so sehen, wie er ist, ohne ihn verbessern zu wollen, ohne ihn zu einem Projekt zu machen, ohne ihn zu einer Lösung für Ihr eigenes Leben zu erklären, verändert sich etwas in Ihnen. Dann geht es nicht mehr darum, was Sie durch ihn „bekommen“ könnten. Dann geht es darum, ihm wirklich nur das Beste zu wünschen. Wie einer guten Freundin oder einem Familienmitglied.
Doch wenn ich jemanden brauche, um mit mir selbst im Reinen zu sein, dann gerät etwas in Schieflage. Dann wird aus Zuneigung schnell Einengung. Aus Nähe wird Festhalten.
Und aus „Ich liebe dich“ wird unbewusst „Bitte verlasse mich nicht, ich halte das sonst nicht aus“.
Das passiert oft ganz leise, man merkt es nicht sofort.
Es zeigt sich in kleinen Dingen: in Erwartungen, in unterschwelligen Bedingungen, in Enttäuschung, wenn der andere sich nicht so verhält, wie man es sich wünscht (und die eigenen „verliebten“ Erwartungen nicht erfüllt).
Und genau hier liegt ein entscheidender Unterschied:
Liebe will den anderen nicht besitzen. Sie will ihn nicht festnageln, nicht formen, nicht binden. Sie erkennt den anderen Menschen, wie er wirklich ist und möchte, dass es ihm gut geht – auch dann, wenn das eigene Ego gerade nicht im Mittelpunkt steht.
Verliebtheit hingegen ist oft stark mit dem eigenen Bild verbunden. Mit der Frage:
- Wählt er mich?
- Bin ich genug?
- Bedeute ich ihm genau so viel, wie er mir bedeutet?
Das ist menschlich – aber es hat mit Liebe eigentlich nicht viel zu tun.
Und vielleicht ist das der unbequemste Gedanke überhaupt:
Sobald man hauptsächlich geliebt werden will, wird es schwieriger, selbst zu lieben. Und dadurch wird man für den anderen extrem unattraktiv…
Weil dann jede Begegnung eine Prüfung wird. Jede Unsicherheit wird bedrohlich. Jede Distanz fühlt sich wie Ablehnung an. Und plötzlich kämpfen Sie nicht mehr für die Liebe, sondern gegen Verlustangst.
Liebe dagegen hat etwas Ruhiges. Sie ist nicht passiv, aber sie ist klar. Sie stellt nicht ständig Bedingungen, sie muss nicht dauernd überprüft werden. Sie braucht nicht jeden Tag einen Beweis.
Natürlich ist Liebe im Alltag nie vollkommen bedingungslos. Wir alle haben Grenzen und auch Bedürfnisse. Es geht nicht darum, alles hinzunehmen oder sich selbst aufzugeben. Es geht darum, den Unterschied zu erkennen zwischen echter Wertschätzung und dem Versuch, von dem anderen nur etwas zu „bekommen“.

Was später in Hass oder Bitterkeit umschlägt, war selten Liebe. Es war meistens enttäuschte Erwartung. Die Enttäuschung darüber, nicht so geliebt zu werden, wie man es sich erhofft oder gewünscht hat.
Liebe selbst schlägt nicht ins Gegenteil um. Sie kann traurig sein, sie kann loslassen, aber sie wird niemals bösartig.
Ok, liebe Sonja, vielleicht fragen Sie sich jetzt: Und woran erkenne ich, wo ich gerade stehe?
Eine einfache Frage kann Ihnen helfen:
Sehe ich gerade diesen Mann, wie er wirklich ist – oder sehe ich die Zukunft, die ich mir mit ihm ausmale?
Oder anders gesagt:
Wenn Sie nervös sind, wenn Sie ständig hoffen und warten, wenn Sie ihn drängen, wenn Sie Druck spüren, wenn Sie beginnen, Bedingungen zu stellen oder Angst bekommen, nicht genug zu sein, dann ist das meistens nicht Liebe…
Das ist Verliebtheit plus Bedürftigkeit plus „etwas haben wollen“.
Und Liebe?
Liebe fühlt sich eher so an:
Sie sehen ihn klar. Sie wollen ihn nicht besitzen. Sie wollen ihn nicht formen.
Sie sehen ihn als Mensch, mit allen seinen Eigenarten. Und Sie wertschätzen ihn.
Doch Sie können ihn jederzeit gehen lassen, wenn es nicht passt.
Das klingt hart.
Aber es ist Freiheit.
Und ohne Freiheit ist die Liebe am Ende nur ein hübscher Käfig.
Von daher, liebe Sonja – ziehen Sie hin und wieder die (verliebte) rosarote Brille ab, auch wenn sie sich noch so schön anfühlen mag. Sie trübt Ihnen leider den Blick auf die Realität…
Und vor allem:
Lassen Sie sich zuerst ZEIT, den anderen kennenzulernen, bevor Ihre Wünsche und Erwartungen das Bild von ihm verzerren.

Zeit ist Ihr Verbündeter.
In diesem Sinn von Herzen alles Gute und bis bald,
Ihr Freund Christian Sander
P.S. Wenn Sie mögen, machen Sie heute ein kleines Experiment:
Fragen Sie sich, wenn Sie an ihn denken:
„Sehe ich wirklich gerade IHN, oder sehe ich die ideale Zukunft, die ich mir wünsche?“
P.P.S. Vielleicht fragen Sie sich gerade, ob es bei IHM Liebe ist oder nur Verliebtheit:


